Immo­bi­li­en­ver­wer­tung: Ein­bin­dung öffent­lich bestell­te, ver­ei­dig­te Versteigerer

News & Aktuelles - Bundesverband öffentlich bestellter, vereidigter und besonders qualifizierter Versteigerer

Stel­lung­nah­me des BvV e.V.
Bun­des­ver­band öffent­lich bestell­ter, ver­ei­dig­ter Ver­stei­ge­rer e.V.

Öff­nung der Immo­bi­li­en-Zwangs­ver­stei­ge­rung für öffent­lich bestell­te, ver­ei­dig­te Versteigerer

Ein­lei­tung

In zahl­rei­chen euro­päi­schen Staa­ten – dar­un­ter Spa­ni­en, Groß­bri­tan­ni­en, die Nie­der­lan­de sowie in den USA – ist es gän­gi­ge Pra­xis, dass öffent­lich bestell­te Ver­stei­ge­rer Zwangs­ver­stei­ge­run­gen von Immo­bi­li­en durch­füh­ren. In Deutsch­land hin­ge­gen ist die­se Auf­ga­be seit den 1930er Jah­ren aus­schließ­lich den Jus­tiz­be­hör­den bzw. Rechts­pfle­gern vor­be­hal­ten. Die­se Rege­lung stammt aus einer Zeit tief­grei­fen­der wirt­schaft­li­cher Kri­sen und ist unter heu­ti­gen markt­wirt­schaft­li­chen und sozia­len Rah­men­be­din­gun­gen nicht mehr zeitgemäß.

Der BvV e.V. – Bun­des­ver­band öffent­lich bestell­ter, ver­ei­dig­ter Ver­stei­ge­rer spricht sich daher nach­drück­lich für eine Reform des bestehen­den Ver­fah­rens aus:

Auch öffent­lich bestell­te, ver­ei­dig­te Ver­stei­ge­rer sol­len künf­tig zur Durch­füh­rung von Zwangs­ver­stei­ge­run­gen von Immo­bi­li­en befugt sein – in Zusam­men­ar­beit mit der Justiz.


Reform­be­darf: Sys­te­mi­sche Schwä­chen des Sta­tus quo

Die aktu­el­le Pra­xis der Zwangs­ver­stei­ge­rung durch Rechts­pfle­ger weist struk­tu­rel­le Defi­zi­te auf:

  • Ein­ge­schränk­te Markt­an­spra­che auf­grund lokaler/nationaler und des­halb unzu­rei­chen­der Ver­mark­tung, Ein­schrän­kung durch vor­ge­schrie­be­ne Arbeits­zei­ten (kei­ne Wochenendtätigkeit)

  • Hohe Arbeits­be­las­tung durch hohe Fall­zah­len  bei Justizbeamten

  • Sys­te­misch beding­te mög­li­che Ein­bu­ßen bei Verwertungserlösen

  • Über­las­tung der Rechts­pfle­ger, feh­len­de Ressourcen.

     

Die­se Schwä­chen füh­ren dazu, dass Gläu­bi­ger mög­li­cher­wei­se erheb­li­che For­de­rungs­ver­lus­te hin­neh­men und Schuld­ner mit Rest­ver­bind­lich­kei­ten oder einer Pri­vat­in­sol­venz zurück­blei­ben könn­ten – mit weit­rei­chen­den sozia­len und wirt­schaft­li­chen Folgen.


Zie­le der vor­ge­schla­ge­nen Reform

Der BvV e.V. setzt sich für ein aus­ge­wo­ge­nes, moder­nes Ver­wer­tungs­sys­tem ein, das:

  • die Inter­es­sen von Gläu­bi­gern und Schuld­nern glei­cher­ma­ßen berück­sich­tigt,

  • den Wett­be­werb för­dert und staat­li­che Mono­po­le abbaut,

  • höhe­re Ver­wer­tungs­er­lö­se gene­riert,

  • Schuld­ner wirk­sam schützt,

  • und die Jus­tiz ent­las­tet.


Vor­ge­schla­ge­ne Maß­nah­men und Lösungsansätze

1. Ein­bin­dung öffent­lich bestell­ter Versteigerer

Öffent­lich bestell­te, ver­ei­dig­te Ver­stei­ge­rer ver­fü­gen über:

  • recht­lich defi­nier­te Neu­tra­li­tät und Unab­hän­gig­keit (§ 383 BGB),

  • jahr­zehn­te­lan­ge Erfah­rung in der Ver­wer­tung beweg­li­cher und unbe­weg­li­cher Vermögenswerte,

  • moder­ne, markt­ori­en­tier­te Ver­triebs- und Marketingkompetenz,

  • natio­na­le und inter­na­tio­na­le Marktanbindung.

2. Koope­ra­ti­ve Aufgabenverteilung

  • Der Rechts­pfle­ger bleibt für die recht­li­che Durch­füh­rung zuständig.

  • Der Ver­stei­ge­rer über­nimmt die pro­fes­sio­nel­le, kauf­män­ni­sche Verwertung.

  • Ana­lo­ge Zusam­men­ar­beit exis­tiert bereits gemäß § 825 Abs. 2 ZPO zwi­schen Gerichts­voll­zie­hern und Versteigerern.

3. Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Vermarktung

  • Nut­zung moder­ner Ver­mark­tungs­ka­nä­le (Online­por­ta­le, Social Media, Zielgruppenmarketing)

  • Fun­dier­te Bewer­tung durch öffent­lich bestell­te Sachverständige

  • Indi­vi­du­el­le Besich­ti­gun­gen, auch an Wochenenden

  • Trans­pa­ren­te und lai­en­ge­rech­te Erläu­te­rung des Verfahrens

  • Schutz der Schuld­ner­da­ten durch Vertraulichkeitspflicht

4. Neue Instru­men­te zur Erlössteigerung

  • Ein­füh­rung eines „wei­chen Ver­stei­ge­rungs­en­des“: Sie­ben-Tage-Frist zur Abga­be von Nach­ge­bo­ten, ana­log § 168 InsO

  • Finan­zie­rung der Ver­mark­tungs­kos­ten durch ein „Ver­wer­tungs­ab­si­che­rungs­geld“, antei­lig getra­gen von Kre­dit­neh­mer und Kreditgeber

  • Mög­lich­keit zur Durch­füh­rung von Ver­stei­ge­run­gen auch außer­halb von Gerichtsgebäuden

  • Ein­füh­rung einer Mit­wir­kungs­pflicht des Schuld­ners zur Besichtigungsermöglichung


Pilot­pro­jek­te und regu­la­to­ri­sche Umsetzung

Der BvV e.V. schlägt vor, Pilot­pro­jek­te zu star­ten, in denen öffent­lich bestell­te Ver­stei­ge­rer unter jus­ti­zi­el­ler Auf­sicht mit der Durch­füh­rung von Immo­bi­li­en­zwangs­ver­stei­ge­run­gen betraut wer­den. Die recht­li­che Grund­la­ge kann im Rah­men einer klar defi­nier­ten Zulas­sungs­re­ge­lung geschaf­fen wer­den. Der Ver­band bie­tet an, in Koope­ra­ti­on mit den Indus­trie- und Han­dels­kam­mern ent­spre­chen­de Aus- und Wei­ter­bil­dungs­pro­gram­me zu organisieren.


Gesell­schaft­li­cher Mehrwert

  • Stär­kung der sozia­len Gerech­tig­keit: Schutz vor will­kür­li­cher Ver­wer­tung und Ver­schleu­de­rung des Eigentums

  • För­de­rung der Eigen­tums­bil­dung: Redu­zie­rung der Angst vor exis­tenz­be­dro­hen­den Verlusten

  • Ent­las­tung der Jus­tiz: Kon­zen­tra­ti­on auf rechts­staat­li­che Kon­trol­le statt ope­ra­ti­ve Verwertung

  • Absi­che­rung von Steu­er­zah­lern: Mini­mie­rung von For­de­rungs­aus­fäl­len bei Banken

  • Reak­ti­vie­rung des Immo­bi­li­en­markts: Gewin­nung neu­er Käu­fer­grup­pen durch bes­se­re Marktansprache


Fazit

Der größ­te Schuld­ner­schutz ist ein fai­rer, markt­ge­rech­ter Verwertungserlös.

Der BvV e.V. steht bereit, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und einen wirk­sa­men Bei­trag zur rechts­si­che­ren, sozia­len und wirt­schaft­lich effi­zi­en­ten Wei­ter­ent­wick­lung des Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ver­fah­rens zu leisten.

Ver­ab­schie­den wir uns von inef­fi­zi­en­ten Mono­po­len. Ver­trau­en wir auf die Prin­zi­pi­en der sozia­len Markt­wirt­schaft – im Inter­es­se aller Beteiligten.


Eber­hard Oster­may­er
Prä­si­dent des BvV e.V.